Deutschland & Chile

Im Museum Bochum
Im Museum Bochum
Foto: R. Avellaneda

In Deutschland werden zahlreiche Gesamt-Ausstellungen des Todesbilder-Projekts organisiert - als inszeniertes ›work in progress‹; Konzeption und Materialien wechseln von Stadt zu Stadt: Forum für Kulturaustausch IfA Stuttgart, Museum Bochum, Badischer Kunstverein Karlsruhe, Künstlerhaus Bethanien Berlin u.a.; er erlebt den Fall der Berliner Mauer im Osten der Stadt, wo er als offizieller ›Gast‹ wohnt - das Zentrum für Kunstausstellungen der DDR zeigt eine konzentrierte Fassung des Projekts in Ost-Berlin (Galerie am Weidendamm), das Maxim Gorki-Theater präsentiert eine fotografische Werkschau und nimmt Performance-Abende in den laufenden Spielplan auf; die politische Situation spitzt sich zu - eine bereits geplante und angekündigte Ausstellung im Erfurter Prediger-Kloster kann nicht mehr stattfinden (»... in deutschen Rezensionen wurde meine Arbeit mit der von Dix und Beckmann verglichen, und das war durchaus ernst gemeint - bei soviel Irritation befand ich mich natürlich wieder an der falschen Stelle ...«); mit der Aufführung einer Trilogie auf dem Herner Theaterfestival im Ruhrgebiet - seiner ursprünglichen Heimat - glaubt er, innerhalb der ›real existierenden gesellschaftlichen Verhältnisse‹ an die Grenzen sinnvoller künstlerischer Intentionen gelangt zu sein (Der obszöne Tod eines Heiligen) - jede weitere Station erscheint ihm als professionelle Routine; auch jetzt lehnt er es ab, seine Arbeiten - die allmählich einen beträchtlichen Umfang annehmen - für den Kunstmarkt verfügbar zu machen.

Arbeitszimmer in Gahlen am Niederrhein
Arbeitszimmer in Gahlen am Niederrhein
Foto: R. Avellaneda

Wieder ist die erste Werkstatt am Niederrhein für einige Zeit sein Domizil geworden; Tod von Ruth Johow, die seinen künstlerischen Werdegang von Kindheit an bis zuletzt begleitet (»... eine der drei Frauen, die einen entscheidenden Einfluß auf mein Leben genommen haben ...«); er wird zur Teilnahme am 3. Kunstfest der Stadt Dresden im Festspielhaus Hellerau eingeladen - an diesem traditionsreichen Ort inszeniert er an drei Abenden den Prolog zum multimedialen Parsifal-Projekt, im ehemaligen Kasernen-Flügel der eben abgerückten Sowjet-Armee; nach dreizehnjähriger Zusammenarbeit löst sich die ›Chaclacayo‹-Gruppe auf (»... nach allem, was ich bis heute in dieser Stärke verwirklichte, kann ich nur noch einmal von vorne anfangen - es hat keinen Sinn, Wiederholungen zu wiederholen ...«); er besucht erneut die Stätten seiner Kindheit - ausgehend von einem frühen Traumerlebnis schreibt er die erste Fassung zum Film-Roman Asfixia, der an einem virtuellen Wüstenort spielt; das Goethe-Institut in Santiago de Chile lädt ihn ein, für die inmitten der Atacama-Wüste gelegene Ruinenstadt ›Chacabuco‹ - die während der Militärdiktatur als Konzentrationslager diente - ein neues Kunstprojekt zu erarbeiten; er kehrt nach beinahe drei Jahrzehnten nach Chile zurück, reist in den Norden und beginnt sogleich mit der Planung des Orpheus-Projekts (über weite zeitliche Etappen soll es von der Raum-Installation bis zur Opern-Inszenierung reichen); an extremen Orten entsteht die Foto-Serie El Retorno de Orfeo (Orpheus kehrt zurück), die er mit einer geliehenen Kamera aufnimmt - in einem Schreibheft ›notiert‹ er den gesamten dramatischen Ablauf des Geschehens in äußerst präzisen Zeichnungen, die er als eine seiner »perfektesten« Arbeiten bezeichnet; in Santiago werden in öffentlichen Veranstaltungen Video-Aufzeichnungen der deutschen Performance-Produktionen gezeigt; die konservative Presse der Metropole beschreibt sein Werk als »äußerste Möglichkeit der Kunst« (»... ich kam nachhause, wo ich nie zuhause war - selbst das winzige Haus an der Avenida Providencia, in dem ich früher wohnte, war verschwunden, von einem gigantischen Bankgebäude begraben - ich habe bisher nur in vorübergehenden ›Bleiben‹ gelebt - ein wirkliches ›Zuhause‹ kenne ich gar nicht ...«).

In Santiago de Chile
In Santiago de Chile
Foto: M. Lira

Um die Jahrtausendwende beginnt er in Berlin - zusammen mit dem jungen Fotografen Arndt Beck - mit dem Foto-Projekt Autopsie 2000 - Stillstand der Geschichte; der Essay umfaßt tausende fotografische Bilder, welche die urbane ›Physiognomie‹ dieser Stadt metaphorisch widerspiegeln sollen; er arbeitet - wegen der spontanen Reaktion - mit einer automatischen Kleinbildkamera (der niederländische Historiker Nico Vroom sagte von ihm, daß »seine Ausdrucksmöglichkeiten ein Spektrum vom Farbstift bis zum Computer darstellen werden«); wieder gelingt es ihm, eine kompromißlose ›visuelle‹ Recherche und Interpretation der realen hintergründigen Verhältnisse zu erreichen: diesmal die eigenen ›deutschen‹ Verhältnisse; er wohnt - zwischenzeitlich - in einem Mietshaus im Kreuzberger Wrangelkiez, wo die sozialen Spannungen am unmittelbarsten zu spüren sind; nach einigen Jahren intensiver Arbeitsphasen schließt er das Projekt ab; unter dem zusätzlichen Titel Berliner Trilogie präsentiert er zunächst am Ort des Geschehens - in Berlin - thematisch konzentrierte Ausstellungs-Zyklen: Fotogalerie Friedrichshain (Prolog), Galerie im Körnerpark (Kapitel 1 - Die Werte), Galerie M (Kapitel 2 - Das Nichts), Fotogalerie Friedrichshain (Intermezzo: Nacht), studio im hochhaus (Heldengedenken); vorbereitet werden Kapitel 3 - Die Idole und ein Epilog.

Seine erste Werkstatt am Niederrhein wird verkauft und zum größten Teil abgerissen (»... vielleicht muß ich für lange Zeit zurück in die Wüste, wie in meinem Roman - von Anfang an habe ich meine ›Kunst‹ nur in phantastischen Räumen machen können, wo es keine fertigen Systeme gibt und mir in Wirklichkeit nichts gehört ...«).

Während der Asfixia-Lesung in Berlin
Während der Asfixia-Lesung in Berlin
Foto: A. Beck

In Berlin entsteht in wenigen Monaten der große Zeichnungen-Zyklus INRI, in dem er eine Kreuzigungsszene von Bartolomé Esteban Murillo (um 1668) bis in extremste Interpretationen variiert - diese Arbeit widmet er Pier Paolo Pasolini; er zeichnet den zweiten Teil der Serie, welchen er nach dem Schlagertitel eines nationalsozialistischen Komponisten benennt: Vuelva pronto, chico (Junge, komm bald wieder). Im dritten Teil des INRI-Zyklus setzt er sich mit realen Erfahrungen aus seiner Kindheit und frühen Jugend auseinander: El Camal (Der Schlachthof). Die Bildergruppen wuchsen bereits auf einige hundert Zeichnungen an.

Innerhalb der Fotoausstellung Heldengedenken im Berliner studio im hochhaus liest er zum erstenmal öffentlich aus seinem Roman Asfixia - hier wird in einer weitverzweigten Traum-Allegorie sein eigener Tod literarisch beschrieben.











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